Die Salzburger Festspiele gelten als das bedeutendste Festival für Oper und klassische Musik weltweit. Seit über 100 Jahren versammeln sie die besten Sängerinnen, Dirigenten und Orchester der Welt in einer Stadt, die dafür eigentlich viel zu klein ist — und genau das macht ihren Charakter aus. Dieser Artikel erklärt, wie dieses Phänomen entstanden ist, warum es bis heute funktioniert und was die Festspiele von allen anderen Festivals der Welt unterscheidet.
Das Wichtigste in Kürze
- Gegründet 1920 von Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt und Richard Strauss — als kulturpolitische Antwort auf den Ersten Weltkrieg.
- Seit der ersten Stunde auf dem Domplatz: der Jedermann — über 700 Aufführungen am selben Ort, seit über 100 Jahren.
- Herzstück sind Oper und Konzert: Wiener Philharmoniker, Berliner Philharmoniker, die größten Stimmen der Welt.
- Spielstätten wie Felsenreitschule und Domplatz gibt es so nur in Salzburg.
- 2026: 171 Aufführungen, 19 Spielstätten, 45 Tage — und ein Programm, das weiterhin provoziert.

Wie alles begann: Eine Idee in Trümmern
Es ist August 1920. Österreich hat gerade einen Weltkrieg verloren, das Habsburgerreich ist zerfallen, die Menschen hungern. In diesem Moment lassen drei Männer auf dem Salzburger Domplatz Schauspieler auftreten.
Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt und Richard Strauss gründen die Salzburger Festspiele — nicht trotz der Krise, sondern wegen ihr. Hofmannsthal formuliert es in der Gründungsschrift: „Es ist keine Theatergründung, nicht das Projekt einiger träumerischer Phantasten und nicht die lokale Angelegenheit einer Provinzstadt. Es ist eine Angelegenheit der europäischen Kultur.“
Die Idee ist politisch und künstlerisch zugleich: Salzburg — mit seiner barocken Architektur, seiner Mozart-Tradition und seiner Lage im Herzen des ehemaligen Reiches — soll zur Kulturhauptstadt Europas werden. Nicht Wien, das gerade seine imperiale Identität verloren hat, sondern Salzburg.
Was viele nicht wissen: Die Festspiele sind keine selbstverständlich erfolgreiche Institution. 1924 mussten sie wegen finanzieller Probleme komplett ausfallen. In den 1930er-Jahren wurden jüdische Künstler wie Max Reinhardt, Bruno Walter und Arturo Toscanini verdrängt oder verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb im August 1945 — noch während Österreich besetzt war — wieder aufgenommen. Die Festspiele sind nicht einfach weitergelaufen. Sie wurden immer wieder neu erkämpft.


Der Domplatz und der Jedermann
Am 22. August 1920 wird Hugo von Hofmannsthals Jedermann in der Regie von Max Reinhardt erstmals auf dem Salzburger Domplatz aufgeführt — genau genommen eine Verlegenheitslösung: Das ursprünglich geplante Auftragswerk war nicht fertig, für eine Tribüne in der Felsenreitschule fehlte das Bauholz.
Was als Notlösung beginnt, wird zum dauerhaftesten Theaterereignis im deutschsprachigen Raum. Seit 1920 wird der Jedermann mit wenigen kriegsbedingten Unterbrechungen jedes Jahr auf demselben Platz gespielt — über 700 Aufführungen, immer vor derselben Kulisse: der mächtigen Doppelturmfassade des Salzburger Doms. Das Stück, basierend auf einem mittelalterlichen Moralitätsspiel, erzählt vom reichen Lebemann, den der Tod überrascht. Der Tod ruft, die Stimmen hallen von den Dächern der Altstadt. Kein Programmheft nötig.
Die Titelrolle gilt im deutschsprachigen Raum als eine der begehrtesten Besetzungen überhaupt. Maximilian Schell, Klaus Maria Brandauer, Tobias Moretti, Lars Eidinger — die Liste der Jedermänner liest sich wie ein Abriss der großen deutschsprachigen Theatergeschichte. 2026 kehrt Philipp Hochmair in der Inszenierung von Robert Carson zurück.
Der Jedermann ist wichtig. Aber er ist nicht das Herzstück der Festspiele. Das ist die Oper.


Warum Oper und Konzert — und warum Salzburg
Ab 1921 kommen Konzerte dazu, ab 1922 Oper. Damit stehen die drei Säulen: Schauspiel, Konzert, Oper. Von Anfang an gilt: Wenn Oper, dann mit den besten Sängerinnen und Sängern der Welt. Wenn Konzert, dann mit den bedeutendsten Orchestern. Die Wiener Philharmoniker sind seit 1922 die tragende Orchestersäule der Festspiele. Die Berliner Philharmoniker zählen heute ebenfalls zu den festen Größen des Programms.
Es geht nicht um Quantität. Es geht um Kaliber. Kein anderes Festival der Welt versammelt über mehrere Wochen so konsequent die erste Reihe der internationalen Musikwelt an einem einzigen Ort. Für viele Künstlerinnen und Künstler ist Salzburg im Sommer schlicht der wichtigste Termin des Jahres. Das war 1930 so, als Arturo Toscanini und Bruno Walter am Pult standen. Und das ist 2026 so, wenn Teodor Currentzis gleich dreimal im Programm steht.
Dass Salzburg als Ort dafür funktioniert, hat auch mit der Stadt selbst zu tun. Sie ist kompakt. Zwischen Großem Festspielhaus, Haus für Mozart, Felsenreitschule, Domplatz und Kollegienkirche liegen keine weiten Wege. Wer bei den Festspielen ist, lebt in einem Radius von wenigen hundert Metern — und dieser Radius ist vollständig mit Kunst gefüllt.

Spielstätten, die es so nirgendwo gibt
Die Felsenreitschule — in den natürlichen Fels des Mönchsbergs gehauen, mit drei Arkadenreihen als Bühnenbild — ist kein umgebautes Gebäude. Der in den Fels geschnittene Raum hat eine Atmosphäre, die sich durch kein Architektenkonzept herstellen lässt: die Arkaden hinter der Bühne, der Geruch des Steins, die besondere Akustik.
Das Große Festspielhaus, 1960 eröffnet, bietet über 2.000 Sitzplätze und gilt als eine der technisch aufwendigsten Opernbühnen der Welt. Das Haus für Mozart — die ehemalige Winterreitschule — ist intimer, fast kammermusikalisch in seiner Wirkung. Die Kollegienkirche Fischer von Erlachs wird bei den Festspielen zur Konzertbühne. Und auf der Perner-Insel in Hallein, einer ehemaligen Saline mitten in der Salzach, spielt seit 1992 das experimentelle Schauspiel — 20 Minuten von Salzburg entfernt, ein eigenes Erlebnis.
Wer Oper in einer dieser Spielstätten erlebt, sitzt nicht im Zuschauerraum. Er sitzt in der Stadt.

Was die Festspiele von anderen Festivals unterscheidet
Es gibt andere große Festivals. Bayreuth, Glyndebourne, Aix-en-Provence, Edinburgh. Sie alle haben ihren Charakter, ihre Treue, ihr Publikum. Was Salzburg von ihnen unterscheidet, ist die Dichte.
In wenigen Wochen laufen gleichzeitig mehrere Neuproduktionen, Konzertzyklen der wichtigsten Orchester der Welt, Kammerkonzerte und Schauspiel. Das Publikum ist entsprechend gemischt — Musikerinnen und Musiker, Kritiker, Stammgäste seit Jahrzehnten, Erstbesucher. Und alle teilen für ein paar Wochen dieselbe Stadt.
Das ist kein Zufall, sondern Konzept — und es geht auf das Gründungsideal zurück: Salzburg als Ort, an dem sich die europäische Kulturwelt trifft. Nicht in einem anonymen Konzertsaal, sondern in einer Stadt, die man durchläuft, erlebt, riecht.
2026: Kein Selbstläufer
Das Programm 2026 steht unter dem Motto „Von der Geburt der Zeit und der Macht des Herzens“. Drei Opern-Neuproduktionen: Bizets Carmen mit Asmik Grigorian in der Titelrolle und Teodor Currentzis am Pult — eine Kombination, über die schon vor der Premiere diskutiert wird. Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos mit Elīna Garanča. Mozarts Così fan tutte unter Joana Mallwitz. Dazu Wiener Philharmoniker, Berliner Philharmoniker, Currentzis noch zweimal in anderen Formaten.
171 Aufführungen. 19 Spielstätten. 45 Tage. Budget: 77,27 Millionen Euro.
Das ist nicht Tradition um der Tradition willen. Das ist der Beleg, dass die Salzburger Festspiele nach über 100 Jahren noch immer Risiken eingehen — und damit die Frage offen halten, die Hofmannsthal 1920 gestellt hat: Was soll Kultur leisten, wenn die Welt aus den Fugen geraten ist?
Den vollständigen Programm-Überblick, Ticket-Informationen und praktische Tipps für deinen Besuch findest du in unserem Großen Festspiele-Guide.
FAQ
Was sind die Salzburger Festspiele?
Die Salzburger Festspiele sind ein jährliches Kulturfestival in Salzburg, das 1920 gegründet wurde und heute als bedeutendstes Festival für Oper und klassische Musik weltweit gilt. Jeden Sommer versammeln sie die international führenden Dirigenten, Orchester und Sängerinnen und Sänger in der Stadt.
Wann wurden die Salzburger Festspiele gegründet?
Die ersten Salzburger Festspiele fanden am 22. August 1920 statt, mit der Aufführung des Jedermann von Hugo von Hofmannsthal auf dem Domplatz. Gegründet wurden sie von Hofmannsthal, dem Regisseur Max Reinhardt und dem Komponisten Richard Strauss.
Warum gelten die Salzburger Festspiele als so besonders?
Die Kombination aus einzigartigen Spielstätten (Felsenreitschule, Domplatz, Großes Festspielhaus), dem konstant hohen Künstlerkaliber und der Dichte des Programms — mehrere Neuproduktionen gleichzeitig, Wiener und Berliner Philharmoniker, die besten Sängerinnen und Sänger der Welt — macht die Festspiele zu einem Ereignis, das kein anderes Festival in dieser Form bietet.
Was ist der Jedermann und warum wird er jedes Jahr gespielt?
Der Jedermann ist ein Schauspiel von Hugo von Hofmannsthal, das auf einem mittelalterlichen Moralitätsstück basiert. Seit 1920 wird es jährlich auf dem Salzburger Domplatz aufgeführt — über 700 Mal bisher. Die Titelrolle gilt im deutschsprachigen Raum als eine der begehrtesten Besetzungen überhaupt.
Welche Spielstätten haben die Salzburger Festspiele?
Die wichtigsten Spielstätten sind das Große Festspielhaus, das Haus für Mozart, die Felsenreitschule (in den natürlichen Fels gehauen), der Domplatz, die Kollegienkirche und die Perner-Insel in Hallein. Insgesamt nutzen die Festspiele 19 Spielstätten.
Wann finden die Salzburger Festspiele 2026 statt?
Die Salzburger Festspiele 2026 laufen vom 17. Juli bis zum 30. August 2026 — 45 Tage, 171 Aufführungen an 19 Spielstätten.
