Zyklus 1 : 1900-1940
Dass Salzburg eine moderne Stadt ist, bleibt meist hinter ihrer barocken Pracht verborgen. Doch was heißt das eigentlich – modern?
Architekturhistorisch beginnt die Moderne um 1900 mit dem Jugendstil, der zum ersten Mal mit jahrhundertelang gültigen Dekorationsnormen bricht, bevor das Neue Bauen ganz auf Bauschmuck verzichtet. Auf den Prüfstand kommt jedoch auch Grundsätzliches wie das Wohnen selbst. Dies gilt für das Einfamilienhaus und die Villa. Zudem werden neue Wohnformen wie die Siedlung entwickelt, die in Salzburg ihrer äußeren Erscheinung nach bis zum Zweiten Weltkrieg konservativ bleibt. Die zunehmende Motorisierung verlangt eine andere Infrastruktur und schafft Bauaufgaben wie die Garage. Neue Materialien ermöglichen kühne, bisher ungekannte Lösungen. Leuchtreklamen verändern das Aussehen der Stadt bei Nacht. Sogar das Sterben verändert sich. Es wird von einer kirchlichen zu einer kommunalen Angelegenheit. Als alternative Bestattungsform setzt sich die Kremierung durch und verlangt entsprechende Anlagen. Die Moderne ist demnach kein Epochenbegriff. Sie ist eine Frage der Haltung.
Hier finden Sie 10 Beispiele Moderner Architektur in Salzburg mit einer Bauzeit zwischen 1900 und 1940
Fotos: Hubert Auer
Villa Schall, 1900


Adresse: Rudolfskai 50
Entwurf: Jakob Ceconi, Karl Pirich
Das Haus Rudolfskai 50 bald nach Fertigstellung © Stadtarchiv Salzburg, Fotoatelier Würthle
In den 1860er-Jahren begann die Regulierung der Salzach, durch die man auf beiden Flussseiten Bauland erschloss. Als urbane Landvilla errichtet und zu Bauzeiten noch am Stadtrand gelegen, befindet sich das Haus Schall heute an der Biegung einer Hauptverkehrsstraße. Der Name erinnert an den Bauherrn, Zementwerkdirektor Eugen Schall, der den in Salzburg vielfach tätigen Baumeister und Architekten Jakob Ceconi beauftragte. Schall selbst hatte Schmuckformen vor Augen, die sich an der römischen Antike orientieren. Davon zeugt der geflügelte Löwe zu Seiten des Eingangsportals. Seine Frau war jedoch dem Jugendstil zugetan, was sich trotz umfassender Bereinigungen ebenfalls in den Dekorationen zeigt, etwa an den Fenstergittern und -Verdachungen. Der Hauptzugang mit kühn geschwungenem Vordach markiert die Hauptansicht der Villa, die nicht zur Salzach, sondern zur Basteigasse weist. Nur aus dieser Übereck-Situation erschließt sich die landschaftlich aufgefasste Konzeption des Gebäudes, das aus unterschiedlichen Volumina zusammengesetzt und mit einer Vielzahl an Fensterformen geöffnet ist. Dieser Eindruck hat sich durch Aufstockung, Dachgeschossausbau sowie weitere Um- und Anbauten eher verstärkt als abgeschwächt.
Mozartsteg, 1903

Adresse: Rudolfskai, Giselakai
Eisenfachwerk: Ignaz Gridl
Pfeiler: Ernst Gaertner

Der in Formen des Jugendstils erbaute Mozartsteg verbindet das altstadtseitige Kaiviertel mit dem Inneren Stein auf der gegenüberliegenden Salzachseite. Die erste Idee eines Übergangs zwischen Staats- und Karolinenbrücke kam 1897 auf, wurde jedoch vom Gemeinderat abgewiesen. Durch die Gründung des Zweiten Salzach-Eisensteg-Vereins konnte der Bau dann doch realisiert werden. Zur Finanzierung musste man allerdings bis in die 1920er-Jahre Maut zahlen. Das Mauthäuschen gibt es noch immer. Heute befindet sich darin ein kleines Café. Als genietetes Eisenfachwerk mit blaugrauem Anstrich ausgeführt, schwingt der Steg in drei leichten flachen Bögen über den Fluss. Gelagert ist er auf zwei massiven, nach oben konisch zulaufenden und mit Konglomerat-Platten verkleideten Pfeilern. Markante Stellen wie der Ein- und Ausstieg und die Berührungspunkte der separat aufgelegten Bogenkonstruktionen sind sparsam mit Pflanzenornamenten geschmückt, wie sie für den Jugendstil typisch sind. Bald nachdem Mozartsteg wurden in Salzburg noch zwei weitere Salzachüberquerungen mit ähnlichen Schmuckformen realisiert, die jedoch nicht erhalten sind.
Wohn- und Geschäftshäuser Haus Ostermeier, Haus Pötzl, 1910-1912


Adresse:
Saint-Julien-Straße 11, 13
Entwurf: Karl Ceconi
Ausführung: Jakob Ceconi
Als Zinshäuser für eine Schicht von Selbstständigen, Beamten und höheren Angestellten konzipiert, bildeten diese beiden Ceconi-Häuser und ihre Nachbarbauten den kompakten Abschluss der damals neubesiedelten Elisabeth-Vorstadt. Durch die Nähe zum 1861 eingeweihten Bahnhof und einen breiten Fußgängerbereich besonders attraktiv, verliehen diese repräsentativen Wohnbauten den Vorstädten insgesamt eine soziale Aufwertung. Sie zeugen von einem als modern verstandenen, städtischen Raumgefüge, das sich in die Randbezirke erweitert. Durch gleiche Geschosshöhen, die Sockelverkleidung, den wellenförmigen Kammstrichputz der Hochparterres und den nahezu lückenlosen Übergang der Gesimse verbinden sich die zwei Häuser beinahe zu einem durchgehenden Komplex. In der Ornamentierung zeigt sich die Hinwendung zu einem regional eigenständigen Jugendstil, der sich von habsburgisch-imperial geprägten Vorgaben abzusetzen sucht. Der augenfälligste Unterschied findet sich in den oberen Abschlüssen: Während das Haus Pötzl über zwei hohen Erkern und einer durchlaufenden Traufe eine Art monumentale Gaube mit geschweiftem Abschluss ausbildet, entwickelt sich beim Haus Ostermaier aus einer glatten Fassade ein sogenannter Bahnhofsgiebel.
Ehem. Druck- und Verlagsgebäude Kiesel,
1924-1926

Adresse: Rainerstraße 19-21
Entwurf: Wunibald Deininger
Ausführung: Kastner & Gruber
Bauplastik: Hans Pontiller, Roland von Bohr

Das Kieselgebäude gilt als das Schlüsselwerk der Salzburger Moderne. Namensgebend war das bis 1980 hier ansässige Verlagshaus Kiesel, das im Widerspruch zum Verbauungsplan von 1921 entstand. Dieser hatte ein reines Wohnviertel im Charakter einer Gartenstadt vorgesehen. Die gut erhaltene Schauseite Richtung Innenstadt schwingt konkav ein und ist durch geschossweise Rücksprünge mit weiß abgesetzten Gesimsen zusätzlich hervorgehoben. Darüber befindet sich ein Fenstererker, der bis unter das verkröpfte Dachgesims reicht. Der Haupteingang wiederum ist über einen weit ausgreifenden, altanartigen Vorbau zu erreichen. Noch gesteigert wird der Eindruck des Spektakulären durch die Bauplastik: Über dem Eingang steigt das geflügelte Pferd Pegasus, darüber sind „R. Kiesel“ und das Bauende „1926“ zu lesen, auf dem Dach stehen zwei Männerakte. Die Treppenhauserker an den zurückhaltender gegliederten Seiten schmücken Reliefs mit Fauna, Flora, Sternzeichen und Szenen aus dem Druckergewerbe. Die Erker markieren aber auch das Ende des Altbaus, denn die 1987 bis 1989 von Wilhelm Holzbauer ausgeführten Umbauten veränderten besonders die Bahnhofsseite stark.
Salzburger Autopalast, 1928


Adresse: Bayhamerstraße 12a, Rupertgasse 9
Entwurf u. Ausführung: Zöttl und Sperl
Salzburger Autopalast, ab 1928 © Salzburg, Privatbesitz
Obwohl die Infrastruktur in Stadt und Land Salzburg bis in die 1920er- Jahre durch desolate Straßen und den Mangel an Tankstellen und Werkstätten ernüchterte, stieg die Zahl der Zulassungen stetig. Dies machte das Automobil zum Initiator eines neuen Gebäudetyps: der mehrstöckigen Garage. Fuhrunternehmer Friedrich Gruber schaffte alle seine Pferde ab und ließ in Etappen den Salzburger Autopalast errichten, der auf lange Sicht 400 Fahrzeugen Platz bieten sollte. Der streng gegliederte Bau wird durch drei Risalite rhythmisiert. Durchlaufende Elemente wie Gurtgesimse und die eng aneinander gereihten Metallsprossenfenster verstärken den Eindruck des Horizontalen. Die Ecksituation variiert dies mit schmalen hochrechteckigen Fenstern und vergitterten Einschnitten im Erdgeschoss, was formal an eine Schraubenmutter denken lässt. Klare Formensprache und Betonung der Waagerechten sind Merkmale des Neuen Bauens. Letzteres erinnert bei aller Eckigkeit und Massivität an die Stromlinienmoderne – das heißt, die langgestreckten Horizontalen nehmen die Geschwindigkeit fahrender Autos in die Fassade auf und stellen so eine Entsprechung zwischen der Nutzung des Gebäudes und des Straßenraums her.
Ehem. Polizeikaserne, 1929-1931

Adresse: Rudolfsplatz 3, Hellbrunner Straße 1
Entwurf: Wunibald Deininger
Die ehemalige Polizeikaserne im Jahr ihrer Fertigstellung, 1931 © Salzburger Landesarchiv, AT-SLA Jur. 16561

Nicht zuletzt wegen des Blicks zum Stift Nonnberg konzipierte Deininger die damalige Polizeikaserne als einen breit gelagerten Kubus mit Flachdach. Erkennbar dem Neuen Bauen verpflichtet, gab es mehrfache Änderungen: Eine Teilaufstockung mit hohem Walmdach durch Helmut Gasteiner machte den Bau wuchtiger als ursprünglich ausgeführt – zumindest das Dach wurde wieder abgenommen. 2001 legte das Architekturbüro HALLE 1 der Südseite einen schmalen Sichtbetonbau an. Vom gegenüber befindlichen Salzachufer ist das Lagernde des Baus durch die breiten Bänderungen im Brüstungsbereich, die gedrungenen Fensterformate und deren Quersprossung gut ersichtlich. Von der Karolinenbrücke aus wirkt das Gebäude durch seine Versprünge und Durchsichten deutlich leichter. Vor der Hauptfront Richtung Justizgebäude wiederum bildet das heutige Bezirksgericht Salzburg einen schmalen Vorplatz aus. Neben Kubatur, Bänderung und Flachdach ist das aus waagerechten Metallstreifen gefertigte Balkongeländer ein weiteres Erkennungszeichen des modernen Formwillens. Die Lisenen artige senkrechte Gliederung des Anbaus und die Volutenpfeiler an der Hauptdurchfahrt hingegen sind (letzte) Reminiszenzen an ein historisierendes Bauen.
Feuerhalle, 1930-1931


Adresse: Gneiser Straße 8
Entwurf: Eduard Wiedenmann
Ausführung: Karl Ceconi
Feuerhalle Salzburg, vermutlich bei der Eröffnungsfeier 1931 © VGA, Wien
Als eines der radikalsten Gebäude des Neuen Bauens in Salzburg erweist sich die Feuerhalle auf dem Kommunalfriedhof. Am 8. November 1931 eingeweiht, erhob sich der Bau als vierstufige Pyramide mit schmalen Fenstern und weit auskragendem Vordach. Seine heutige Gestalt verdankt das Gebäude mehreren Ergänzungsschritten seit den 1950er-Jahren. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts plädierten aufgeklärte Kreise europaweit für die Kremierung, erste Einäscherungshäuser wurden 1876 in Mailand und 1878 in Gotha errichtet. In Österreich geschah dies – trotz oder wegen des anhaltenden Widerstands der katholischen Kirche – erst nach 1920. Diskutiert wurde auch die Frage, welche Gestalt ein Krematorium haben sollte, wobei die Verbindung technischer Erfordernisse mit dem Bedürfnis nach pietätvoller Feierlichkeit als entwerferische Herausforderung galt. Uneins war man nicht zuletzt darüber, wie sachlich oder traditionsgebunden ein solcher Bau sein sollte. Für Salzburg vorbildlich gewesen sein könnten Clemens Holzmeisters Feuerhalle in Wien-Simmering von 1922 und Julius Schultes Krematorium in Linz von 1929. Vor allem im Vergleich zu Holzmeister wird jedoch deutlich, wie säkular und mithin modern Wiedenmanns Entwurf war und bis heute ist.
Wohnhaus Herzog, 1931

Adresse: Mönchsberg 4
Entwurf: Alfred Diener
Ausführung: Karl Ceconi
Bauplastik: Roland von Bohr

Ihren Beinamen verdankt die „Göbelbehausung“ einem baufälligen Bauernhaus, das 1928 abgerissen wurde. Der Altstadt zugewandt, ist der Neubau in drei klare Kuben gegliedert: mittig das vorspringende Treppenhaus, rechts und links zwei unterschiedlich hohe Wohntrakte. Die beiden linken Balkone enden eckig, die drei rechten viertelrund. Beim Zugang befindet sich ein Pfeiler mit teils glatter, teils reliefierter Verkleidung. Die Reliefs aus Betonguss zeigen Bauarbeiter, deren Geometrisierung an Kasimir Malewitsch oder Oskar Schlemmer denken lassen. Alfred Diener hatte bei Josef Hoffmann – Mitbegründer der Wiener Werkstätte – studiert und schloss sich mit dem Entwurf für das Haus Herzog der heute als „klassisch“ bezeichneten Moderne an. Die strengen Grundformen, die plan verstandene Fassade, das flache Dach und das in den abgerundeten Balkonen anklingende Dampfermotiv sind den Gestaltungsprinzipien des Neuen Bauens verpflichtet. Mehr noch: Ihr Zusammenklang macht das Haus Herzog zu einer der konsequentesten Leistungen moderner Architektur in Salzburg. Diener selbst begriff sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Traditionalist. Rückblickend soll er das Haus Herzog als „Jugendsünde“ bezeichnet haben.
Haus Weidlich, 1932


Adresse:
Prälat-Winkler-Straße 2
Entwurf: Hans Kronberger
Dem initialen Bauherrn und Namensgeber des Hauses Weidlich war das Aufgreifen von Stilelementen der Moderne wichtig, was den Baumeister Hans Kronberger dem Architekturkritiker Franz Achleitner zufolge zu einem „kleinen Geniestreich“ anspornte. Bereits dieser erste Bau war ein Zusammenspiel aus strengen Kuben, das durch einen halbrunden Anbau sowie die über Eck geführten Fenster aufgelockert wurde. Eine erste Umgestaltung erfolgte 1964 durch Hans Hofmann. Seit den 1980er-Jahren ist das Gebäude im Besitz von Waltraud und Mario Mauroner, die eine Kunstgalerie betreiben und ebenfalls Umbauten vornehmen ließen: Zunächst fügte Eberhard Jodlbauer nordseitig einen Schlafzimmerzubau mit Terrasse und Garage an, eine Wendeltreppe verbindet die Galerieräume. Der weitläufige Garten bietet Platz für großformatige Skulpturen. Zuletzt hob Reiner Kaschl das Dach an und richtete eine großzügige Dachterrasse ein. Die zur Straße treppenartige Form des Gebäudes erinnert frappierend an das Wiener Haus Scheu von Adolf Loos. Diese Ähnlichkeit war jedoch nicht von Anfang an gegeben, sondern resultiert aus den sukzessiven Aus- und Umbauten.
Wiener Städtische Versicherung, 1932-1933

Adresse: Max-Ott-Platz 3
Entwurf: Paul Geppert d.Ä.
Ausführung: Gebrüder Wagner
Bauplastik: Anton Endstorfer

Im Zuge der städtebaulichen Veränderungen ab den 1860er-Jahren entstand der kreisrunde Max-Ott-Platz. Hier erhebt sich in exponierter Ecklage die Salzburger Zweigestelle der Wiener Städtischen Versicherungen. Die hoch aufragende, konkav einschwingende Schaufront dominiert eine schmale, kräftig gerahmte Schlitzung mit dahinterliegendem Treppenhaus. Rechts und links davon überfangen je vier Balkone die an den Straßen entlanggeführten und nach außen um ein Stockwerk reduzierten Flügel des Baus. Die querrechteckigen Fenster betonen das Lagernde der symmetrisch angelegten Bauteile und bilden damit ein Gegengewicht zur pointierten Vertikalität der Platzansicht. Links und rechts des markanten Einschnitts stehen in Höhe des ersten Obergeschosses zwei etwas überlebensgroße schlanke Bronzeplastiken. Der Mann mit Lendenschurz, Setzling und Spaten sowie die Frau mit einfachem Kleid und Kind auf dem Arm lassen sich als Personifikationen des Versorgens und der Fürsorge verstehen. Dieses traditionelle Geschlechterbild scheint mit der Modernität der Architektur zu brechen, passt thematisch jedoch zum Leitbild eines Versicherungsunternehmens.
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